Peter Collien 1975
Galerie Lietzow

Text von Peter Ackermann

Für Peter Collien

Einer, von dem man glaubte, er sein ausgezogen, das Fürchten zu lehren -: da lagen die verkrümmten, zerstückelten Leiber, die Opfer der großen Geschichte und Mythologie, und die Leute schüttelten die Köpfe. – Er hatte wohl selber das Fürchten gelernt, lernen müssen, in den schönen Lebensschulen, die jeder kennt.
Jetzt malt er Frauen, ausschließlich Frauen, zwischen Möbeln und Wänden, kleinen und wenigen Geräten; das ist alles aus einem Stoff, aus dem der Malerei; alles von einem Punkt gesehen, den Standpunkt des Malers. – Die Frauen beschäftigen sich mit kleinen Alltäglichkeiten, mit Zeitung lesen, sich einen Strumpf anziehen, sich kämmen, nach der Wäsche sehen, abtrocknen. Es ist eigentlich nicht ganz richtig zu sagen, dass sie sich beschäftigen; sie sind bei einer Beschäftigung, aber auch nicht ganz dabei; die Beschäftigung ist wie eine Schüssel, ein Strumpf oder ein Stuhl dazugemalt. – Die Frauen sehen an ihrer Beschäftigung ganz wenig vorbei; sie werden sie vielleicht gleich wieder aufnehmen.

Sein Ensemble ist von den wichtigen zu den unwichtigen Beschäftigungen übergewechselt. – Die wichtigen, das sind die der Geschichte und der Mythologie, gewöhnlich erfordern sie viel Aufwand: Schichtenmalerei, Lasuren, Zentralperspektive, Ovid, Ikonologie, die Engelsburg, Literatur, Melancholie, hypertrophe Proportionen; das ist also die Aura des literarischen und manieristischen Malers, Fundus und Repertoire -: ein Schädel liegt im Atelier-Regal und seltene Steine bei exotischen Schmetterlingen. – Besucher finden das alles sehr interessant. – Wenn man aufhört, sich auf der Flucht vor Verfolgern in einen Baum zu verwandeln, wenn man aufhört, den Minotaurus zu beweinen oder sich von der Soldateska Karls V. hinmetzeln zu lassen, kann das Leben einfacher werden. Zum Beispiel zieht man einen Strumpf an. – Da beides in der Wirklichkeit täglich vorkommt und uns die Wahl nicht immer freigestellt ist, macht es keinen Unterschied an Realität aus. – Nein, das eben nicht: wohl aber an Menschen-Nähe und mehr: Malerei. – Die Figuren stehen in sanfter, ferner Tätigkeit und scheinen nicht zu bemerken, wie sehr diese missachtet wird, von denen, die wichtigeres zu tun haben.

Januar 1975
Peter Ackermann