Katalog Salomé 1981
Galerie Lietzow

ACCENT AIGU
Wer ist das auf dem Bild? – Es ist der Maler selbst.
Salomé. – Sieht der so aus? – Er ist jünger. -

Wann wird er dieser verkniffene Mund sein? Wann werden die Schenkel fleischlos geworden in roten Lederhosen knochig stecken? Die ewig flaumige Boa um die kantigen Schultern. Wann kann nur noch die Glatze jugendliche Frische vortäuschen? Salomé vor grau-blauem Hintergrund. Das Bild: N.Y.C. '78. So oft ich mich zur Wand drehe, Salomé steht mit leerem Blick hinter der Sonnenbrille an sie gebannt. Der nach unten gekniffene rote Mund schweigt in den Raum.

Zwei Eindrücke aus der Vergangenheit. – Ein zu groß geratenes Küken betritt eine Ladenwohnung. – Salomé sitzt in einem Bettlakenkleid vor mir. In gefährlichem Kontrast zur Weiche des Stoffes gibt jede Bewegung die Umrisse des Gliedes frei.
Silvester. Eine Salomé im schwarzen Kleid setzt sich zu mir. Unsere Worte verlieren sich. Sie verteidigt den Rückzug zugunsten der Malerei und der Liebe. Salomé in ihrer Schönheit lässt mich den Verlust körperlich fühlen.

Danach sehe ich Salomé für längere Zeit mehr aus der Ferne: "Dem Schiffe gleichend, welches mit seinen weißen Segeln wie ein ungeheurer Schmetterling über das dunkle Meer hinläuft! Ja!" (Nietzsche, Die Frauen und ihre Wirkung in die Ferne) Umgeben von glitternden Gestalten. Sie scheint den frühen Ruhm als malende Kultfigur zu genießen. Erst in der Galerie am Moritzplatz wechseln wir wieder private Worte.

Vielleicht an einem missglückten Weihnachtsabend vor einem durch Plastikbahnen verhängten, kalten Büfett, Das, kaum freigegeben, nach wenigen Minuten einer bunteingefärbten Müllhalde gleicht. Auf der einen Seite des Raumes modische Heteros. auf der anderen zusammengedrängt die Homosexuellen. Salome im Korsett stakst als Medium zwischen den Fronten.

Bei einem zufälligen Treffen in der Mensa beginnt ein neues Verhältnis zueinander. – Besuch' mich mal in meinem Atelier! – Da stand ich also vor den großen Selbstportraits. In Rot. Salomé als Marilyn. Aggressiv von hinten auf hohen Kothurnen. Salomé, die männlich schrille Tunte, schien sich in den Selbstportraits exhibitionistisch am Leben zu halten. In ihnen war ihr eigener Bühnenraum geschaffen. Die Verzweiflung ihres dargestellten Körpers machte mich schweigen.

Worte, die einfachen Begriffe haben sich längst aufgerieben. Was sich in unseren Blicken traf, war eher schon die Distanz zur gelebten Sexualität.
Im selben Raum das Bild eines Freundes. In dunklen Farben eine Mauer, die Mauer, die diese Stadt nach innen sprengt. Sie schnürt Salomés Wohnhaus ein. Nachts, wenn sie grell angestrahlt wird, sind ihre Schatten Zeichen des Todes.

Salomé als Artist bei der Big Birds Modenschau von Blumenschein und Skoda. Zwischen bizarren Hüllen aus Wolle und Kunststoff hängt, klettert, schwingt und turnt Salomé. Die Haut grau eingeäschert und hell gepunktet greift sie in gespannte Netze. Gemeinsam mit Luciano Castelli erklimmt sie das Reck. Sie oder wir (die Zuschauer) hinter Käfiggittern sind durch die elektrischen Zuckungen der Mannequins in gegenseitiger Kälte bestätigt. Plötzlich eine Hand an meiner Schulter. Salomé steht neben mir. – Wusste nicht, dass Du so stark bist. - Ich berühre mit den Fingerspitzen zum aufmunternden Klaps die Hait ihres Arsches. Seltsam weich fühlt sich das Fleisch an, das meine Augen als beweglichen Stein am Seil festhalten. Salomé ist längst weiter, - hastet, erstarrt und schraubt sich zur harten Melodik der Geräuschkulisse.

Am Tresen behält Salomé den Fischgrätmantel an. Die Baskenmütze über der Glatze. Eine Frau sitzt durch Zufall neben ihm. Sie ist in diesem Sommer verrückt geworden. Sie wünscht sich, dass schwule Männer und Frauen was gemeinsam tun... und schneidet als Zeichen der Hoffnung Papiervögel, die sie überall aufhängt und damit jedem auf die Nerven geht. – Ihr beide seht aus wie zwei, die auf ihren Zug ins Exil warten - , rufe ich ihnen zu.

Doch die Szenerie ist bereits verändert. An Salomés Seite steht ein blonder Junge mit den regelmäßigen Zügen eines Engels. Er trägt das Orange der Baghwan-Sekte. Ich höre -..... die Religion ist für mich passé... -. Dann gehen sie beide weg. Die Frau bleibt am Tresen sitzen. Sie scheint schon hier im Exil. Bald wird sie am Abend das Telefon bearbeiten und keine Verbindung bekommen, da sie das Geld einzuwerfen vergisst.

Reinhard v. d. Marwitz