Luis Caballero 1986
Galerie Lietzow

Text von Godehard Lietzow

Zu zehn neuen Bildern von Luis Caballero

Zehn hochformatige Bilder stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, zu der der vorliegende Katalog erscheint. Knapp zwei Meter hoch, knapp einen Meter breit, überraschten diese Arbeiten bei einem letzten Besuch im Pariser Atelier von Luis Caballero. Schwarz auf Weiß, mit Ölfarbe auf Papier gemalt, dieses wiederum auf Leinwand aufgezogen, belegen sie den gegenwärtigen Stand einer künstlerischen Entwicklung, die sich bereits 1984 in Caballeros Werk andeutete: Das Aufbrechen einer bis dahin homogenen figürlichen Bildwelt in dramatische Hell-Dunkel-Kontraste, die Überlagerung der bis dahin primär sensitiven Zeichnung durch einen emotionierten Ausdruckswillen. Damals entstanden jene großangelegten figurativen Bildkompositionen, mit denen Caballero Aufsehen erregte und die in den fast zweimal vier Meter großen Triptychen von 1984 ihre komprimierteste Realisation fanden.

Der oft allegorische und apotheotische Charakter dieser Bilder wies auf eine intensive Auseinandersetzung mit der Tradition der Kunstgeschichte: mit Michelangelo, vor allem aber mit dem Realismus des Licht-Dramatikers Caravaggio und nicht zuletzt mit Georges de la Tour.
Ein intensiver Bezug zur Tradition der Kunst gehört zum Wesen der Kunst – sei es in direkter Bezüglichkeit zu ihren vorbildhaften Phänomenen oder in den kontrapunktischen, auf ideelle Innovation ausgerichteten Gegenentwürfen zu diesen. Tradition: Unser heutiges Bewusstsein kann diese Wertigkeit nicht mehr nur auf die Jahrhunderte weiten Langstrecken zurück bemessen: Der Makro- und der Mikro-Fokus unserer Sichtmöglichkeiten führt über die Jahrhunderte hinweg zurück zum Jahrtausende alten Imago und kürzt in gleicher Weise die Strecke der Tradition und der Geschichte auf jüngst vergangene Jahrzehnte, ja: Jahre ein.

1984 führte ich in Köln mit Caballero ein Gespräch über Kunst – beim Gang durch die Kunstmesse und angesichts der tausendfachen Facettierungen, in der sich Kunst auf einem derartigen Forum dem Blick darbietet. Picasso, einige deutsche Expressionisten und einige wenige deutsche Gegenwartskünstler erweckten seine Aufmerksamkeit. In jenem Gespräch meinte Caballero, dass Farbe den Ausdruck von Bildern störe, dass sie die Wahrheit der Bilder mit Illusionismus überdecke, dass der Purismus des Scharz-auf-Weiß entschiedener und eindeutiger die Wahrheit nenne – die subjektive wie die objektive. Ich war überrascht, zumal Caballero selbst zu dieser Zeit in eigenen Bildern die Farbigkeit zu höchster Intensität des Ausdrucks gesteigert hatte. Unser Gespräch führte zu Max Beckmann, dem für Caballero bedeutsamsten deutschen Maler dieses Jahrhunderts. Beckmanns nomineller und so gänzlich unsentimentaler Realismus, die vibrierende Ausdruckskraft seiner schwarzen Figurations-Konturen, die Entschiedenheit seiner formalen Abstraktionen und die visuelle Dichte seiner komprimierten Kompositionen begeisterten Caballero.
Heute, nach zwei Jahren, vor seinen eigenen neuen Arbeiten, gewinnen Caballeros Äußerungen von einst einen signifikanten Stellenwert. In der Reduktion auf das Schwarz, im totalen Verzicht auf jede sonstige Farbe, formuliert Caballero heute seine Figurationen: Männliche Figurationen, aus der unmittelbaren Modellanschauung direkt mit Pinsel und Ölfarbe zu Bild gebracht. Die den Malakt motivierende, ständige visuelle Kontrolle der Körper-Realitäten verhindert ein Abgleiten ins Illusionistische.

Zu sehen sind Körper in einfachen körperlichen Positionen, immer zentral ins Bild gesetzt, immer in der Spannung zwischen linearer und flächiger Formulierung, nie in ihrer körperlichen Ganzheit, immer im fast zufällig erscheinenden Ausschnitt einer Quasi-Momentaufnahme erfasst: Körperliche Nah-Sichten in kraftvollem Schwarz-Weiß, dazu gelegentlich Teil-Partien des den Körper unmittelbar umgebenden Umfelds: eine Liege, ein Tisch, ein Tuch. Alles in partieller Nennung, ohne einen erzählerischen, einen literarisch konstruierten, bestenfalls malerisch-kompositorischen Bezug zueinander. Da sind keine bedeutungsvollen Gesten, keine bedeutungsvollen Details. Körperlichkeit ist hier, wohl zum ersten Mal bei Caballero, direkt nominell formuliert. Anstelle der sensiblen Vibration der Kohle- und Kreide-Zeichnungen bisheriger Arbeiten nennt hier der breite Malpinsel auf sehr malerische Weise Körper und Körper-Umfeld in den Spannungen von Hell und Dunkel.
Caballero, seit jeher Realist im Sinne einer steten Überprüfung der Wahrhaftigkeit des Dargestellten im Verhältnis zur modellhaften Ausgangsrealität, hat seine Gestaltungskraft zu knapper und eindringlicher Expression gesteigert. Der Verzicht auf Details lenkt den Blick auf das Primäre: auf die Statuierung eines Menschenbildes, das die nackte Körperlichkeit als die veristischste Realität des Menschlichen aufzeigt. Die Doppelzone "Schmerz – Lust", in Caballeros Gesamtwerk zentral angelegt, ist hier in den zehn neuen Bildern zur ganzheitlichen expressiven Chiffre verknappt, zum visuellen Kürzel jenes einheitlichen Befindens von Körper, Geist und Seele gegenüber dem Körperbild des Menschen, das nur der analytische Kunst-Intellekt des Betrachters wieder in die Zonen aus Schmerz und Lust aufspaltet un der damit an der Wahrheit dieser Bilder vorbeiblickt.

Godehard Lietzow